Schadstoffe in Kindertextilien sind für Verbraucher ein No-go. Georg Dieners, Generalsekretär von Oeko-Tex klärt über Schadstoffe in Kindertextilien auf und wie sehr die Verbraucher inzwischen auf das Thema Nachhaltigkeit achten.

Was sollten Hersteller bei der Produktion von Kindertextilien von Anfang an beachten? 

Georg Dieners, Generalsekretär von Oeko-Tex: Die Haut von Kindern verfügt noch nicht im selben Umfang über die Funktionen und Schutzmechanismen wie die Haut von Erwachsenen. Deswegen ist sie allen äußerlichen Einflüssen stärker ausgesetzt und bedarf eines besonderen Schutzes. Kleidung, Bettwäsche und Bettwaren sowie andere Textilprodukte mit denen Kinder in Kontakt kommen, sollten daher nicht nur möglichst weich und anschmiegsam sein. Wichtig ist auch, dass schon bei der Textilproduktion darauf geachtet wird, dass Grenzwerte für den Einsatz von Chemikalien eingehalten und die Textilien auf Schadstoffe überprüft werden. 

Oftmals enthalten Printmotive gefährliche Schadstoffe. Wozu raten Sie Herstellern, die nicht ganz auf die Drucktechniken verzichten wollen? 

Wer schon vor der Produktion von Printmotiven auf Nummer sicher gehen möchte, kann sich am ECO PASSPORT by Oeko-Tex orientieren: unser Zertifikat für Chemikalien, Farbmittel und Hilfsstoffe. Die mit dem Eco Passport zertifizierten Leder- und Textilchemikalien sind auf Schadstoffe in kritischen Konzentrationen getestet und können somit unbedenklich eingesetzt werden – auch für den Druck. Um auch den Verbrauchern die Unbedenklichkeit der bedruckten Textilien zu signalisieren, können diese zudem mit dem Standard 100 ausgezeichnet werden. Das Label kennzeichnet textile Produkte, deren gesundheitliche Unbedenklichkeit in umfangreichen Labortests nachgewiesen wurde. Das Label wird nur für solche Artikel vergeben, bei denen alle Bestandteile unbedenklich sind. Dazu gehören Oberstoffe wie Gewebe oder Maschenware, Einlagen sowie Näh- und Stickgarne, aber auch Zubehör aus Metall oder Kunststoff (z. B. Reißverschlüsse, Knöpfe etc.) sowie speziell aufgebrachte Beschichtungen oder Drucke. 

Viele Kinderschuhe werden noch aus Leder gefertigt. Der Großteil des weltweit produzierten Leders wird mit hochgiftigen Chemikalien gegerbt und behandelt. Welche Alternative gibt es diesbezüglich auf dem Markt? 

Verbraucher haben seit 2017 die Möglichkeit beim Kauf von Lederprodukten auf das Leather Standard Label von Oeko-Tex zu achten. Es signalisiert, dass der gekennzeichnete Artikel erfolgreich auf gesundheitsbedenkliche Chemikalien überprüft wurde. 

Besonders schwarz gefärbte Textilien weisen viele schädliche Rückstände auf. Zu welchen umwelt- und gesundheitsverträglichen Farben würden Sie raten? 

Grundlegend werden bei allen Farben Chemikalien verwendet. Um die für Schwarz nötige Farbtiefe zu erreichen, müssen verschiedene Farbpigmente wie Blau, Gelb und Orange miteinander vermischt werden. Wer beim Kauf aber auf das Standard 100 by Oeko-Tex Label achtet, muss sich auch bei schwarzen Textilien keine Sorgen machen, denn es garantiert, dass chemische Grenzwerte eingehalten werden, die für die Gesundheit unbedenklich sind. 

Chlor wird oftmals zum Bleichen der Textilien verwendet. Wie können Hersteller Textilien alternativ aufhellen? 

Eine Alternative zum Bleichen von Textilien mit Chlor kann z.B. Sauerstoffbleiche sein. Das wird in der Textilindustrie bereits vermehrt eingesetzt. 

Der beliebte Used-Look bei Jeans zählt zu den schlimmsten Verfahren, die die Textilindustrie bei der Herstellung einsetzen kann. Trotzdem gibt es Jeansunternehmen, die das Verfahren umgehen können. Welche Vorgehensweise verfolgen diesejetzt gibt es Firmen, die alternative Produktionsmethoden haben. Welche sind das?

Jeans gehören zu den beliebtesten Stoffen überhaupt, denn sie sind modern und kommen nie aus der Mode. Um den sogenannten „Used Look“ zu erzeugen, verwenden viele Hersteller Chemikalien. Waschungen und Effekte können aber auch mit innovativen Methoden wie z.B. durch Laserbehandlung erreicht werden, die ökologisch wesentlich verträglicher sind.

Oeko-Tex gibt Herstellern die Richtlinien für ein schadstofffreies Produkt vor. Woraus setzen sich diese zusammen? 

Wenn Hersteller ihr Produkt mit dem Standard 100 by Oeko-Tex Label auszeichnen möchten, müssen sie sich bereits in der Produktion an bestimmte internationale und gesetzliche Vorgaben zur Produktsicherheit halten. Diese sind im umfangreichen Standard 100 Kriterienkatalog hinterlegt. Hierzu zählen z.B. die Reglementierungen zu den verbotenen Azo-Farbmitteln, Formaldehyd, Nickel usw. Je intensiver der Hautkontakt eines Textilproduktes ist, desto strenger sind die Grenzwerte. 

Der Aspekt der Nachhaltigkeit verursacht auch in der Modeindustrie derzeit einen großen Umschwung. Dies zeigte sich während der September-Ausgabe der Munich Fabric Start, wo viele Textilhersteller Produkte zeigten, die mit dem Gots, dem IVN und den Oeko-Tex Siegeln ausgezeichnet waren. Wie erklären Sie sich das Umdenken?

Das Thema Nachhaltigkeit ist gerade hoch aktuell und gewinnt durch die Politik noch einmal enorm an Bedeutung. Zudem ist das Bewusstsein der Konsumenten für ökologische und soziale Standards stark gestiegen. Die Themen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und die Industrie muss dringend darauf reagieren. 

Inwieweit hat die Bedeutung von Oeko-Tex Siegeln bei den Herstellern innerhalb der letzten Jahre zugenommen? 

Im Geschäftsjahr 2018/2019 vergab Oeko-Tex über 21.000 Standard 100 Zertifikate in über 104 Ländern, was einem Wachstum von + 8% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dies zeigt, dass das Thema Schadstoffe in Textilien weltweit eine immer stärkere Relevanz für die Industrie sowie die Verbraucher hat, die sich an dem Oeko-Tex Label beim Kauf sicherer Produkte orientieren. Zudem wurden über 1.333 Produkte mit MADE IN GREEN ausgezeichnet, was einer Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr entspricht (Stand: 30. Juni 2019). 
Vor allem in Westeuropa, aber auch im Fernen und Mittleren Osten konnte ein deutliches Wachstum erwirkt werden. Wir freuen uns sehr über die positiven Entwicklungen auf dem internationalen Markt und das Zeichen, dass die Textilindustrie mit dieser Entwicklung setzt. Auch wenn weltweit noch viel Arbeit geleistet werden muss, sind wir doch auf dem richtigen Weg dahin, die Produktion international nachhaltiger zu gestalten – für unsere Umwelt und nachfolgende Generationen. 

Die Kind + Jugend listet ab diesem Jahr nachhaltig produzierende Aussteller gesondert. Dementsprechend wird Ihnen eine noch größere Verantwortung zuteil. Welche Herausforderungen kommen zukünftig auf Sie zu? 

Die Herausforderung in den nächsten Jahren wird weiterhin darin bestehen, sowohl die Produzenten als auch die Verbraucher für das Thema Nachhaltigkeit in der Textil- und Lederindustrie zu sensibilisieren. Wir bieten den Produzenten hierfür Instrumente und Werkzeuge an, um ihr Engagement hinsichtlich einer nachhaltigen und sozial fairen Produktion sichtbar zu machen. Den Verbrauchern geben wir außerdem eine Orientierung, um bewusstere und verantwortungsvollere Kaufentscheidungen zu treffen. 
Das könnte Sie auch interessieren:
Bild: Oeko-Tex
//JP